Besonders vor dem Hintergrund der geplanten Olympischen und Paralympischen Spiele in Japan, dürfen die Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima für die Menschen und Umwelt nicht verdrängt werden. Die japanische Regierung versucht der Weltgemeinschaft zu suggerieren, die Atomkatastrophe von Fukushima sei überwunden. Tatsächlich ist die Situation rund um die havarierten Atomreaktoren keineswegs „unter Kontrolle“, wie der japanische Premierminister gerne suggeriert.

Im Inneren der zerstörten Reaktoren herrscht nach wie vor lebensbedrohliche Strahlung. Die Atomruinen müssen durch ununterbrochene Wasserzufuhr gekühlt werden. Große Teile des kontaminierten Wassers verseuchen trotz massiver Gegenmaßnahmen weiterhin Grundwasser und Meer, der aufgefangene Teil des radioaktiven Abwassers wird in riesigen Tanks gespeichert. Wegen Platzmangels soll das stark verstrahlte Wasser ab 2022 direkt in den Pazifik abgelassen werden.

Laut IPPNW, einem internationalen Zusammenschluss aus Ärzten gegen die atomare Bedrohung, besteht in den verstrahlten Gebieten anhaltend ein zusätzliches gesundheitliches Risiko durch radioaktive Strahler wie Cäsium-137. Insbesondere Kinder, Schwangere, sowie Kranke und ältere Menschen sind bedroht. Mit zusätzlichen Krebsfällen ist in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu rechnen. 

Matsuki Kamoshita war 8 Jahre alt, als das Unglück von Fukushima sein Leben veränderte. Bisher hatte er in Iwaki, Präfektur Fukushima gelebt. Nun mussten sie nach Tokio umziehen. Seine Geschichte erzählt er hier.

Brief im Originalton:

Was ich jetzt schreibe, mag aus der Sicher der Anderen eine vernachlässigbar kleine Sorge sein. Aber es bereitet mir einen unermesslichen Schmerz, dass ich fast nicht mehr am Leben sein möchte. Nur daran zu denken geht schon nicht. Bisher konnte ich mit niemandem darüber sprechen. Es schriftlich niederzulegen konnte ich erst nicht akzeptieren. Auch als ich beschloss, diesen Brief zu schreiben, konnte ich lange nicht zum Stift greifen und musste lange leiden. Es in Worte zu fassen heißt, über meine Situation nachzudenken und diese unzumutbaren Umstände zu akzeptieren. Selbst das kann ich im Moment nicht. Aber ich kann nicht mehr ertragen, dass ich daran zugrunde gehe und habe mit letzter Kraft diesen Brief verfasst. 

„Das Herz zerbricht“. Diesen Ausdruck habe ich immer für einen Kitsch aus einem Roman gehalten. Aber im Moment bin ich tatsächlich soweit, es fallen mir nur diese Worte ein. Jeden Tag verhalte ich mich nach außen so cool, wie möglich. Aber ich merke, dass zunehmend in mir etwas zerbricht. Bemühungen, mein Leben zu retten, zerstören mein Herz. Ich weiß nicht, wie ich aus diesem Dilemma herauskommen soll. 

Ich wurde in der Stadt Iwaki in der Präfektur Fukushima geboren. Ich wuchs mit meinen Eltern und dem 5 Jahre jüngeren Bruder auf. Damals habe ich im Frühling im Yonomori-Park, berühmt geworden durch das Fernsehen, die Kirschblüten bewundert. Im Sommer sammelte ich im Meer Muscheln, im Wald Pilze. Im Winter baute ich Schneemänner, im Park oder auf dem Heimweg von der Schule pflückte ich Schachtelhalme, die meine Mutter kochte. Die liebte ich sehr. In unserem großen Garten wuchsen Blaubeeren, Shiitake und Minitomaten. In der Schule sammelte ich Insekten und machte Matschklöße. 

Seit dem 11.3.2011 ist dieses schöne Leben verloren gegangen. Wir mussten aus Fukushima fliehen und in Tokyo leben. Die japanische Regierung hat über unsere Stadt keinen Evakuierungsaufruf verhängt, aber die tatsächlich gemessene Verseuchung durch Radioaktivität war auch hier sehr gravierend. Sie erstreckte sich viel weiter als das eigentliche Evakuierungsgebiet und so mussten wir auf eigene Faust und Kosten fliehen, um der Verstrahlung zu entkommen. Auch auf den YonomoriPark sind unzählige Strahlen niedergegangen und die Erde in unserem Garten ist nach 7 Jahren immer noch hoch belastet. Am Schwersten zu ertragen war das Mobbing in meiner Schule in Tokyo. Meine Kunstwerke im Kunstunterricht wurden verschmiert oder wurden wie eine Seuche behandelt. Durch Kleinigkeiten wurde Gewalt an mir ausgeübt oder ich wurde ausgegrenzt. So dass ich immer Angst hatte, draußen zu spielen. Durch solche Vorkommnisse hatte ich ständig den Wusch, tot zu sein. In einem Aufsatz habe ich als Neunjähriger sogar geschrieben, -ich möchte in das Paradies kommen. 

Viele, die keine Ahnung über die Atomflüchtlinge hatten, dachten wohl, wir hätten keinen Schaden durch die Katastrophe getragen, unser Haus stehe ja noch und wir seien gut durch den Staat entschädigt worden. Wir seien Nutznießer unserer Situation. Die japanische Allgemeinheit weiß gar nichts über die Tatsachen der Flüchtlinge, dass die freiwillig Geflüchteten kaum entschädigt wurden. Das liegt daran, dass die japanische Regierung und Tokyo Electrics (TEPCO) die Sache völlig verschleiert und keine Fakten veröffentlicht. Das ist ihre Pflicht, die Bürger darüber aufzuklären, wie gefährlich Radioaktivität ist, wie es im Moment in Fukushima aussieht und dass die Flüchtlinge außerhalb der Evakuierungszone kaum Entschädigung erhalten. Viele der geflüchteten Schüler erfuhren Mobbing wie ich. Meine Eltern und Lehrer haben sich für mich eingesetzt, aber an meiner Situation hat sich bis zum Schluss der Grundschulzeit nichts verändert. Damals spürte ich stets Lebensgefahr, so dass ich nie entspannt war. Da diese Erfahrung so schmerzlich war, wählte ich eine Mittelschule weit weg von der Grundschule. Ich habe anderen Schülern verschwiegen, dass ich ein Flüchtling bin. Da wurde ich gar nicht mehr gemobbt. Ich war erstaunt, wie friedlich ein Schulleben ohne Mobbing ist und gewann auch bald Freunde auf der neuen Schule. Erstmals war ich glücklich. 

Nach 2-3 Jahren jedoch fing mein Herz wieder an zu schmerzen. Da ich alles verheimlichte, konnte ich meinen Freunden nicht erzählen, dass ich in Fukushima geboren wurde, dort eine glückliche Jugend verbrachte, wie groß unser Haus in Fukushima ist und aus Angst vor Strahlung geflüchtet bin, dass wir immer noch in einem Flüchtlingsheim wohnen und dass die Regierung uns drängt, wieder nach Fukushima zurückzukehren, obwohl die Verseuchung immer noch hoch ist und dass das Leben als Flüchtling sehr unsicher und hart ist. Das Meiste meines Lebens muss ich verbergen, auch wenn ich gute Freunde haben möchte, kann ich nicht über mich erzählen. Immer steht Fukushima als Fußfessel zwischen mir und meinen Freunden. Ich möchte mich an ihren Diskussionen über Politik und Wirtschaft beteiligen, aber ich kann nur Oberflächliches beisteuern. Warum ich gegen die Atompolitik der Regierung bin; aber ich kann die wahren Hintergründe, meine Schmerzen, nicht erklären. Die Strahlung, die Verseuchung der Kommunen. So viele Ungerechtigkeiten sind eigentlich meine Probleme, aber das kann ich meinen Freunden nicht erzählen. Um mich zu schützen, erzähle ich nichts über Fukushima. Das war meine eigene Entscheidung zu schweigen. Ich kann mir meine Schwäche nicht verzeihen. So schmerzt mein Herz zum Zerbrechen. 

Das passiert nicht nur in der Schule. Wenn ich in Foren über die Flucht oder Fukushima erzähle, erfolgt alles anonym. Auch Fotos veröffentliche ich nicht. Sonst befürchte ich von Mitmenschen üble Nachrede. Obwohl ich nichts Unrechtes getan habe, muss ich wie ein Schwerverbrecher meinen Namen und Gesicht bedeckt halten. Aber wer glaubt denn einer Aussage von jemandem, der noch nicht mal Gesicht und Namen preisgibt? Das ist für mich auch ein großes Dilemma. Ich möchte Freunden und Leuten offen gegenüber stehen und die Wahrheit meiner Erfahrung erzählen. Wenn sie es aber nicht akzeptieren, verliere ich wieder den hart erkämpften Frieden. Das befürchte ich am meisten. Wie werde ich diese Leiden los? Es gibt bestimmt noch andere mit gleichen Problemen wie mich. 

Nur Erwachsene genießen den Profit durch AKWs. Den Unfall verursacht haben auch sie. Aber WIR Kinder leiden durch unsere getrennt lebenden Familien und Sorgen, dass eines Tages die Krankheit ausbrechen kann, und durch Mobbing in der Schule. Leider haben die radioaktiven Substanzen eine längere Lebensdauer als wir. Ihre Auswirkung tritt erst nach 10, 20, gar 40 Jahren in Erscheinung. Wir werden noch lange auf der Flucht vor Strahlung leben müssen, bis Fukushima sicher ist. Aber durch das Leben in großer Heimlichkeit bin ich jetzt schon am Ende. 

Warum werden wir gemobbt, nur dadurch, dass wir auf der Flucht sind? Nicht nur wir Kinder, auch Erwachsene werden ausgegrenzt, gemobbt und beleidigt. Warum ausgerechnet wir, die schon so viel durch die Katastrophe leiden mussten? Das liegt daran, dass die Atompolitik eine Landesstrategie ist und die Aussagen der Betroffenen diese Strategie zunichtemacht. Um weitere AKW in Betrieb zu nehmen, muss die Problematik verharmlost und darf nicht in den Mund genommen werden. Die verzerrte Politik des Landes und die Propaganda zerstören die Welt nicht nur die der Erwachsenen, sondern auch die der Kinder. 

Ob wir es wünschen oder nicht, werden wir in Zukunft mit den Abfallstoffen, die die Erwachsenen verursacht haben, leben müssen. Die Erwachsenen, die uns mundtot machen und Schaden zufügen, werden tot sein, bevor die verheerenden Folgen ans Tageslicht treten. Können wir es zulassen? Sie haben so viel Geld verdient und gelogen, wie sie wollten und lassen es zu, dass die Weltmeere verschmutzt werden und die Verantwortung uns Kinder überlassen? Das ist zu bequem! 

Meine nicht ausgesprochenen Gedanken quellen über. Mein Wunsch ist eigentlich einfach. Ich möchte in Frieden in einer Welt leben, wo ich nichts verheimlichen muss. Aber im heutigen Japan müssen Opfer der Atomkatastrophe Augen, Mund und Ohren verschließen, damit wir in Sicherheit leben können. Bitte rettet uns aus dieser verzerrten Welt.

Rebecca Harms (MdEP, Die Grünen/EFA), Foto: www.stephan-roehl.de

Im November 2019 wurde in Berlin die erste Ausgabe eines globalen Berichtes über den Stand der Zwischen- und Endlagerung von Atommüll veröffentlicht. Initiiert wurde das Projekt von Rebecca Harms, die als Mitbegründerin der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg und langjährige Landtags – und Europaabgeordnete seit über 40 Jahren gegen die Nutzung der Atomenergie arbeitet. Ein Team von 12 WissenschaftlerInnen aus etlichen Ländern war an der Erstellung des Berichtes beteiligt. Unter ihnen sind Allison Macfarlane, ehemalige Präsidentin der US Nuclear Regulatory Commission und Marcos Buser, ehemals verantwortlich für die Forschung im schweizerischen Untertagelabor Mont Terri. Das Ergebnis ist ernüchternd und gibt Anlass zu grosser Sorge. Kein Land, das Atomkraft nutzt, hat bisher ein Endlager in Betrieb genommen. Tiefe geologische Endlagerung ist trotz einer ganzen Reihe gescheiterter Projekte die präferierte Option. Da die Suche und Errichtung von Endlagern eine lange Zeit dauern wird, kommt der Zwischenlagerung eine immer grössere Bedeutung verbunden mit neuen Risiken zu. Für hochradioaktive Abfälle wird sie über dieses Jahrhundert hinaus erforderlich sein. Heute befinden sich in Europa noch 60.000 Tonnen abgebrannte Brennelemente in Nasslagern.  Der Bericht gibt einen Überblick über die nationalen Unterschiede, die mit der Kategorisierung des Atommülls anfangen und sich bei den Zwischenlagertechnologien und der finanziellen Entsorgungsvorsorge fortsetzen. In Deutschland wurde fast 40 Jahre nach der Standortentscheidung für Gorleben der Neubeginn der Endlagersuche beschlossen. Deutschland ist nicht das einzige Land, dass die Erledigung der Aufgabe , den für Jahrtausende gefährlichen Müll  endzulagern, der nächsten Generation übergeben wird. Der Bericht gibt einen Überblick über Entsorgungsmethoden, zeigt auf, mit welchen Mengen zu kämpfen sein wird und was es kosten wird. Ausserdem wird die Lage der atomaren Entsorgung für sieben europäische Länder und die Vereinigten Staaten vergleichbar erläutert. Zu finden ist der hier:

www.worldnuclearwastereport.com 

Demnächst erscheint eine deutsche und französische Übersetzung. Die Zusammenfassung wird auch Tschechisch und Türkisch verfügbar sein. 

Friends of the Earth (kurz FoE) ist ein internationaler Zusammenschluss von Umweltorganisationen. In Japan sind sie seit 1980 aktiv und setzen sich unter anderem für einen Atomausstieg und eine vernünftige Aufarbeitung der Katastrophe von Fukushima ein. Zur Website

Am 26. April.2020, dem 34. Jahrestag des Tschernobyl Super-Gaus, hat FoE Japan ein Video in 6 Sprachen veröffentlicht, das über die aktuelle Situation des Atomunfalls in Fukushima berichtet.
Damals waren schon neun Jahre seit dem Atomkraftwerksunfall in Fukushima vergangen.
Immer wieder wurden aber die Schäden versteckt, in den Schatten gestellt und waren angeblich nicht vorhanden.

FoE Japan arbeitet daran, solche Schäden zu visualisieren und hat mit Zeitzeugen, Evakuierten, Landwirten und Fischern aus Fukushima
Interviews geführt.

Diesmal wurde ein Interview mit Kenichi Hasegawa, einem ehemaligen Milchbauer aus Iitate Dorf, Präfektur Fukushima, geführt und in sechs Sprachen übersetzt. (Übersetzung von Peace Boat

„Die Atomkraft hat alles weggenommen.“ sagte Hasegawa, der zum Zeitpunkt des Atomunfalls im Distrikt Stationsleiter war, wo der temporäre Lagerbereich für dekontaminierten Böden noch sichtbar ist.
„Früher ging ich mit den Kindern in die Berge, wir haben wilde Pflanzen gepflückt, und ich habe ihnen viel darüber erzählt.
So etwas kann ich jetzt nicht mehr. Wir können kein wildes Gemüse mehr essen.“

Das gesamte Interview gibt es auf Youtube:

English          https://youtu.be/K8njLkMigH4
Spanish          https://youtu.be/BGDr5lx802c
Chinese (Simplified)            https://youtu.be/oMggklYU3fI
Chinese (Traditional)          https://youtu.be/_pqRsS75uDM
French                      https://youtu.be/YOq1W70CwAE
Korean                      https://youtu.be/LedYXWwvxXY
German        https://youtu.be/3yxfNGnbCPE

Frau Ruiko Muto ist Vorsitzende der „Klägervereinigung für die strafrechtliche Verfolgung des Atomunfalls von Fukushima“ und Mitglied der „Frauen aus Fukushima gegen Atomkraft“. Schon nach der Katastrophe von Tschernobyl regte die Sonderschullehrerin aus Miharu, Präfektur Fukushima in ihrer Schule an, Katastrophenübungen durchzuführen. Damals hielt man das für lächerlich, sowas könnte in Japan nicht passieren.

Frau Muto verfasste ihre Botschaft noch vor dem Beginn der Corona-Pandemie. 

Neun Jahre sind seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima vergangen. Zunächst möchte ich mich bei all denen bedanken, die sich für eine atomfreie Zukunft einsetzen und deren Gedanken bei uns sind. 

Gerade ist Fukushima in aller Munde in ganz Japan wegen des Fackellaufs für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, der im März in Fukushima starten soll und eine willkommene Gelegenheit ist, um die durch den Atomunfall entstandenen Folgen und Probleme rücksichtslos beiseitezuschieben oder geschickt zu verbergen. Auch die Gebiete, die bisher als „schwer zugänglich“ gegolten hatten, sind teilweise für die Rückkehr freigegeben worden. Die Bahnstrecke „Jôban-sen“, die seit dem Unfall unterbrochen blieb, wird demnächst wieder durchgängig befahrbar. 

Vom J Village, einem Fußballstadion, das ca. 20 km vom havarierten AKW Fukushima Daiichi entfernt liegt, soll der Fackellauf starten. Hier spielen bereits viele Fußballer – Kinder wie Erwachsene – aus dem ganzen Land. Die Präfektur Fukushima hat auf der gesamten Strecke des Fackellaufs Strahlungsmessungen durchgeführt, dabei wurden teilweise Messwerte von 0,77 Mikrosievert oder 0,46 Mikrosievert pro Stunde an Straßenrändern und auf Autostraßen registriert. Bisher hat man mindestens an 13 Stellen der Laufstrecken innerhalb der Präfektur Fukushima über 0,23 Mikrosievert pro Stunde gemessen, also Werte über dem Grenzwert, ab dem eine Dekontaminierungsarbeit eigentlich obligatorisch sein soll. Wir sind daher in Sorge, dass der Lauf sowohl bei den Fackelläufern als auch bei den Zuschauern an den Straßen gesundheitliche Folgen verursachen könnte. Man bezeichnet diese Olympischen Spiele als „Wiederaufbau Olympiade“, aber es ist fraglich, was dabei für die Betroffenen „Wiederaufbau“ sein soll. 

Überhaupt waren die Olympischen Sommerspiele 2020 einst mit der Lüge von Japans Premierminister Abe beworben worden, der sagte: „Die Situation in Fukushima ist unter Kontrolle“. Die Menge des durch das Filtersystem ALPS gefilterten Wassers, das in Wassertanks auf dem Gelände des havarierten AKWs abgefüllt und gelagert ist, überschreitet mittlerweile 1,2 Millionen Tonnen. Das Komitee des Wirtschaftsministeriums zur Frage über das verseuchte Wasser einigte sich nun auf eine Empfehlung, das gefilterte, aber noch radioaktiv belastete Wasser entweder ins Meer abzuleiten oder in Form von Dampf in die Atmosphäre abzulassen, mit der Begründung, die Anwohner dadurch entlasten zu wollen. 

Dabei ist über andere alternative Methoden zur Wasserlagerung oder zur weiteren Filterung von noch enthaltenen Radionukliden (Tritium und anderen) nicht genug diskutiert worden und die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft. Sowohl die Fischer als auch die Anwohner der betroffenen Gebiete sind gegen diese Empfehlung. Die absichtliche Einbringung von radioaktiv verseuchtem Wasser ins Meer verstößt sowohl gegen das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen als auch die Londoner Konvention. Wir brauchen daher dringend Ihre Unterstützung aus der ganzen Welt: Bitte erheben Sie Ihre Stimme gegen dieses Vorhaben, damit Japan die Weltmeere nicht noch mehr verschmutzt. 

Bei dem Abbau von einem der Ablufttürme der havarierten Reaktoren, der letztes Jahr begonnen hatte, sollte die ganze Operation ursprünglich durch Fernsteuerung durchgeführt werden, da sonst die Strahlung zu hoch ist, aber die Arbeit musste letztendlich doch durch Menschen fortgesetzt werden. Dabei mussten Arbeiter unter hoher Strahlungsgefahr mit dem Kran zur Spitze des Turms hinauffahren, um ihn Stück für Stück mit einer Fräsmaschine abzusägen. Die Unfälle von Arbeitern an der Atomruine häufen sich indes: Satoshi Haruhashi, ein japanischer Schriftsteller, berichtet in seinem Blog, dass es seit der Katastrophe bis zum Ende der ersten Jahreshälfte 2019 insgesamt 20 Tote, 24 Schwerverletzte, 29 Bewusstlose, 222 Verletzte und 101 Hitzeschläge gegeben habe, und dabei handele es sich nur um die offiziell von TEPCO bestätigten und anerkannten Zahlen. 

Im September 2019 hat das Landesgericht von Tokio im Strafprozess gegen drei frühere Topmanager von TEPCO ein unglaubliches Urteil gefällt: Die Angeklagten wurden alle als „nicht schuldig“ freigesprochen. Das Urteil ist für alle Opfer der Nuklearkatastrophe inklusive derer in der Präfektur Fukushima inakzeptabel und hat uns bitter und tief enttäuscht. Der Staatsanwalt kritisierte: Das Urteil sei da, „um der Politik der Atomenergieförderung einen Gefallen zu erweisen“. Das Urteil berücksichtigte kaum die zahlreichen Zeugenaussagen und Beweismaterialien, die in 37 Hauptverhandlungen offengelegt worden waren. Stattdessen wurden fast ausschließlich Beweise und Argumentationen zugunsten von TEPCO hintereinander aufgezählt. Die durch den Atomunfall verursachten Schäden erwähnte das Urteil kaum. 

Außerdem bestritt das Gericht gänzlich die Zuverlässigkeit der auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Erdbeben- und Tsunami-Langzeitprognosen, die sogar ein Regierungsorgan veröffentlicht hatte. Im Hinblick auf das Sicherheitsniveau von Atomanlagen behauptete das Urteil, dass die „gesellschaftlichen Konventionen“, die sich in staatlichen Vorschriften widerspiegeln würden, keine absolute Sicherheit in Atomanlagen verlangen würden. 

Diese Interpretation widerspricht dem Urteil vom Obersten Gerichtshof von Itaka aus dem Jahr 1992, das die Notwendigkeit von allen möglichen Vorsichtsmaßnahmen anerkannte, die ergriffen werden sollen, damit jede Eventualität von Atomunfällen ausgeschlossen wird. Das ist ein klarer Rückschritt in der Justiz, und wir betrachten es als schwerwiegenden Fehler des Gerichtes.

Warum war es nicht möglich mit all den überzeugenden Zeugenaussagen und Beweismaterialien, die Verantwortlichen für schuldig zu befinden? Trotz der tiefen Enttäuschung haben wir Berufung eingelegt. Wir hoffen und erwarten sehr, dass das Gericht eine Burg der Gerechtigkeit ist, die komplett unabhängig von den anderen Gewalten urteilt. Jedenfalls sind wir entschlossen, weiter zu kämpfen, um unsere Würde wiederzufinden.

Lasst uns weiterhin die Kräfte vereinen, damit die Geschichte der Nukleartragödien so früh wie möglich zu Ende geht!

zum 11. März 2020 in Fukushima,
Muto Ruiko

Betroffenen- und Klägergrupe Hidanren: http://hidanren.blogspot.de/

Website der TEPCO-Strafrechtsprozess-Klägergruppe: http://kokuso-fukusimagenpatu.blogspot.com/p/blog-page_5112.html

(Übersetzung aus dem Japanischen: Yû Kajikawa)

 

 

Am 13. Februar.2020 tagte in Fukushima das Aufsichtskomitee der Fukushima Gesundheitsmanagementstudie (Fukushima Health Management Survey) und stellte die neuen Daten der Schilddrüsenuntersuchungen vor (Stand 30. September 2019). Nach der initialen Reihenuntersuchung an rund 300.000 Kindern, die zum Zeitpunkt des mehrfachen Super-GAUs in der Präfektur Fukushima gelebt haben oder kurz darauf zur Welt kamen (2011-2014), fanden im Anschluss alle zwei Jahre Nachuntersuchungen dieser Kinder statt. Die Zweituntersuchung ist bereits abgeschlossen, die Drittuntersuchung im letzten Stadium und seit 2018 läuft bereits die vierte Untersuchungsreihe. Auch in dieser Runde zeichnen sich vor allem drei Trends weiter deutlich ab:

Trend 1: Steigende Zahl von Schilddrüsenkrebsfällen

In der Erstuntersuchung in Fukushima fand man in den Jahren 2011-2014 101 bestätigte Krebsfälle (bei 14 weiteren Verdachtsfällen mit pathologischen Ergebnissen in der Feinnadelbiopsie, die aber bislang noch nicht operiert wurden). Diese unerwartet hohe Zahl wurde von der Fukushima Medical University damals mit einem Screening-Effekt erklärt, also dem Phänomen, dass man bei groß angelegten Reihenuntersuchungen mehr Krankheitsfälle identifiziert, als man in derselben Bevölkerung und im selben Zeitraum durch symptomatisch werdende Erkrankungen erwarten würde.

Während das genaue Ausmaß des Screeningeffekts in diesem Zusammenhang nicht abschließend geklärt werden kann, ist ausgeschlossen, dass es sich bei den erhöhten Krebsraten in den nachfolgenden Untersuchungen um Folgen eines Screeningeffekts handelt, denn all diese Kinder waren ja im Vorfeld schon voruntersucht und für krebsfrei befunden worden. Sie müssen die Krebserkrankung also zwischen den Screeninguntersuchungen entwickelt haben.

In der 2. Screeningrunde fand man bislang 52 Krebsfälle (mit 19 weiteren, bislang unoperierten Verdachtsfällen). In der 3. Screeningrunde kamen weitere 24 Fälle hinzu (mit 6 bislang unoperierten Verdachtsfällen). Auch in der aktuell laufenden 4. Runde kam es bereits zu 8 Neudiagnosen (bei 8 weiteren, bislang unoperierten Verdachtsfällen).

Jugendliche der Untersuchungskohorte, die 25 Jahre alt werden, werden aus der offiziellen Hauptstudie ausgeschlossen und in eine neu erschaffene Kohorte der Über-25-Jährigen übertragen. In dieser Gruppe wurde bislang genau ein neu diagnostizierter Schilddrüsenkrebsfall registriert, drei weitere histologische Verdachtsfälle warten noch auf eine bestätigende Operation. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen: die Teilnahmequote in dieser Ablegerstudie beträgt gerade einmal 9,6%. Die Schaffung einer neue Studienkohorte wird allgemein als Maßnahme der FMU gewertet, die Zahl der diagnostizierten Krebsfälle weiter zu reduzieren.

Zu diesen Zahlen hinzu kommen 11 Schilddrüsenkrebsfälle, die bei Kindern aus der Untersuchungskohorte diagnostiziert wurden, allerdings nicht im Rahmen der Screeninguntersuchungen sondern im Universitätsklinikum von Fukushima. Diese 11 Fälle werden nicht offiziell zu den Ergebnissen der Fukushima Medical University hinzugerechnet, obwohl sie identische Tumorentitäten zeigen und bei Patienten aufgetreten sind, die sich eigentlich in der Untersuchungskohorte der Schilddrüsenstudie befinden. Die Patienten wurden allerdings aus der Studie heraus aufgrund von auffälligen Befunden ins „klinische follow-up“ geschickt, also zu weiteren Untersuchungen. Wenn im Rahmen dieser Nachuntersuchungen ein Schilddrüsenkrebsfall auffällt, wird er nicht zu den offiziellen Zahlen hinzugezählt, was Tür und Tor für ein systematisches Herunterspielen der tatsächlichen Fallzahlen öffnet. Die 11 Fälle wurden im Juni 2017 bekannt. Wie viele weitere Fälle seitdem hinzugekommen sind ist unbekannt. Zudem stehen Daten anderer Krankenhäusern in Japan nicht zur Verfügung und Patienten aus verstrahlten Gebieten außerhalb der Präfektur Fukushima werden ohnehin nirgendwo erhoben, so dass die Dunkelziffer der Schilddrüsenkrebsfälle bei Patienten, die zum Zeitpunkt der Super-GAUs Kinder in den verstrahlten Gebieten waren, deutlich höher liegen dürfte.

Dessen ungeachtet liegt die Gesamtzahl an Schilddrüsenkrebsfällen in Fukushima aktuell bei 197 (185 offizielle Fälle aus den Reihenuntersuchungen, 1 Fall aus der Ü25-Kohorte und 11 Fälle aus der Universitätsklinik Fukushima). Die offizielle Zahl weiterer, bislang nicht operierter Verdachtsfälle liegt aktuell bei 50.

Interessant wird es nun bei einem Vergleich dieser Zahlen mit der japanweiten Neuerkrankungsrate. Die offizielle Neuerkrankungsrate an Schilddrüsenkrebs bei Kindern unter 25 Jahren in Japan beträgt pro Jahr rund 0,59 pro 100.000. Das bedeutet, dass in einer Kohorte von rund 300.000 Kindern pro Jahr ca. ein neuer Schilddrüsenkrebsfall zu erwarten wäre. Heute, 9 Jahre nach Beginn der Atomkatastrophe in der untersuchten Bevölkerung von mittlerweile knapp 218.000 Patienten wären demnach 11,5 Schilddrüsenkrebsfälle zu erwarten gewesen.

Die tatsächliche Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle in Fukushima liegt allerdings um ein vielfaches darüber: 197 diagnostizierte Fälle bedeuten eine Steigerung gegenüber der zu erwartenden Fallzahl von 11,5 Fällen um den Faktor 17. Betrachtet man ausschließlich die 96 Fälle, die nach der Erstuntersuchung diagnostiziert wurden und somit nicht im Verdacht stehen, durch einen wie auch immer gearteten Screeningeffekt verursacht zu sein, beträgt der Faktor gegenüber der zu erwartenden Zahl an Schilddrüsenkrebsfällen seit Ende des 1. Screenings (4,1) sogar 23.

In der folgenden Grafik wurden die bislang diagnostizierten Schilddrüsenkrebsfälle (in blau) den rechnerisch in der Untersuchungskohorte zu erwartenden Fälle (in orange) gegenübergestellt. Man sieht, dass die Fallzahl im Laufe der 1. Screeninguntersuchung kontinuierlich anstieg, aber auch darüber hinaus, in den Jahren 2014-2020 weiter kontinuierlich zunimmt, was durch einen Screeningeffekt nicht zu erklären wäre.

Die sinkende Zahl der zu erwartenden Schilddrüsenkrebsfälle in den Jahre 2016-2020 ist übrigens den sinkenden Teilnahmezahlen an den Screeninguntersuchungen zuzuschreiben (von rund 300.000 auf 218.000). Da die Erkrankungen dieser Menschen nicht mehr im Screening auffallen würden, sinkt auch die Zahl der zu erwartenden Krebsfällen.

Bereits 2017 wurde deutlich, dass die geografische Verteilung der Schilddrüsenkrebsraten mit der vermuteten radioaktiven Belastung korrelierte. Die Präfektur Fukushima besteht aus drei Verwaltungsbezirken: dem westlichen Aizu, dem zentralen Nakadori und dem östlichen Hamadori, in dem das havarierte AKW Fukushima Dai-ichi liegt. Dieser Bezirk wurde von der FMU für die Ultraschall-Studie in 4 Untersuchungsregionen aufgeteilt: die 13 Ortschaften rund um das AKW weisen die höchste radioaktiven Verseuchung auf und bilden eine eigene Untersuchungsregion. Die Regionen rund um die Ortschaft Soma im Norden und die Ortschaft Iwaki im Süden wurde von der FMU als (Rest-)Hamadori bezeichnet. Die radioaktive Verseuchung soll im Vergleich zu Teilen des zentralen Bezirks Nakadori noch relativ gering ausgefallen sein. Am geringsten war die Belastung im westlich gelegenen Aizu.

So lässt sich die Reihenfolge der Untersuchungsregionen mit abnehmendem Grad der radioaktiven Verseuchung wie folgt angeben: die 13 Ortschaften rund um das AKW Fukushima Dai-ichi, gefolgt von Nakadori, (Rest-)Hamadori und Aizu. Entsprechend sieht es auch mit den Krebsraten aus: die 13 Ortschaften im Osten der Präfektur Fukushima, nahe der havarierten Reaktoren, zeigten die höchsten Neuerkrankungsraten, während die Regionen Nakadori, Hamadori (Soma und Iwaki) und Aizu in Abhängigkeit ihrer Lage signifikant geringere Raten aufwiesen (Stand Juni 2017):

 

 

 

Trend 2: Steigende Raten an Knoten und Zysten

Wie schon in den vorausgegangenen Untersuchungsreihen finden die Forscher weiter steigende Raten an Knoten und Zysten in den kindlichen Schilddrüsen. Waren es im 1. Screening noch 48,5%, stieg diese Rate im 2. Screening auf 59,8%, im 3. Screening auf 64,9% und im aktuellen 4. Screening auf 65,7%, wobei dazu gesagt werden muss, dass hier bislang nur für knapp 43% der Studienkohorte Ergebnisse vorliegen Der Trend scheint sich jedoch seit Jahren zu verstetigen und auch hier bleiben die Mitglieder des Aufsichtskommittees Antworten schuldig.

Zudem zeigt sich in jeder Untersuchungsreihe, dass neue Krebsfälle in den vorherigen Untersuchungen noch als ungefährlich eingestuft wurden, sie sich also in der Zeit zwischen den Screeninguntersuchungen zu bösartigen (malignen) Tumoren entwickelt haben müssen. In der Zweituntersuchung fand man bei 42.436 Patienten Zysten und Knoten, die noch in der Erstuntersuchung keine gehabt hatten. In der Drittuntersuchung wurden bei weiteren 22.115, bislang als unauffällig beschriebenen, Patienten aus der Kohorte Zysten oder Knoten gefunden, in der Viertuntersuchung mittlerweile bei 9.209 weiteren. Auch gibt es in jeder Screeninguntersuchung mehrere Hundert Patienten, bei denen aus harmlos wirkenden Zysten oder Knoten (Stadium A2) auffällig große Läsionen werden (Stadium B). Aktuell ist dies beispielsweise bei 346 Patienten in der 4. Screeninguntersuchung der Fall.

Das Aufsichtskommittee hat diesmal auch die Voruntersuchungen bei bestätigten oder vermuteten Krebsfällen veröffentlicht:

In der 2. Screeningrunde waren 33 der 71 Krebsverdachtsfällen (46,5%) in der Erstuntersuchung noch völlig unauffällig (Stadium A1). Bei 32 Fällen (45,1%) lag in der Erstuntersuchung ein Stadium A2 mit kleinen Zysten oder Knoten vor. Lediglich in 5 Fällen (7,0%) lag in der Erstuntersuchung ein Stadium B mit auffällig großen Zysten oder Knoten vor, 1 Fall (1,4%) war in der Erstuntersuchung gar nicht untersucht worden.

In der 3. Screeningrunde waren 6 der 30 Krebsverdachtsfällen (20%) in der vorausgehenden Untersuchung noch völlig unauffällig (Stadium A1). Bei 14 Fällen (46,7%) lag in der vorausgehenden Untersuchung ein Stadium A2 mit kleinen Zysten oder Knoten vor. Lediglich in 7 Fällen (23,3%) lag in der vorausgehenden Untersuchung ein Stadium B mit auffällig großen Zysten oder Knoten vor, 3 Fälle (10%) waren in der vorausgehenden Untersuchung gar nicht untersucht worden

In der aktuell noch laufenden 4. Screeningrunde waren 3 der bislang 16 Krebsverdachtsfällen (18,8%) in der vorausgehenden Untersuchung noch völlig unauffällig (Stadium A1). Bei 10 Fällen (62,5%) lag in der vorausgehenden Untersuchung ein Stadium A2 mit kleinen Zysten oder Knoten vor. Lediglich in 3 Fällen (18,8%) lag in der vorausgehenden Untersuchung ein Stadium B mit auffällig großen Zysten oder Knoten vor.
Es wird also deutlich, dass bei einem Großteil der Krebsverdachtsfälle in vorausgehenden Untersuchungen keine auffälligen, präkanzerösen Läsionen zu finden waren, sondern noch relativ unauffällige Befunde und dass sich die wesentliche Krebsentwicklung in dem Zeitraum zwischen den Screeninguntersuchungen stattgefunden haben muss.

Trend 3: Sinkende Teilnehmerzahlen

Die Zahl der untersuchten Kinder sinkt seit Jahren. Waren es in der Erstuntersuchung von 2011-2014 noch rund 300.000 Kinder, deren Schilddrüsen abgetastet und geschallt wurden, sank diese Zahl in der Zweituntersuchung von 2014-2016 um 10% auf rund 270.000 und in der Drittuntersuchung von 2016-2018 um weitere 10% auf mittlerweile nur noch knapp 218.000. Bislang wurden in der Viertuntersuchung erst rund 125.000 Kinder untersucht, in der Untersuchung der Über-25-Jährigen weitere 4.200 Patienten. In relativen Zahlen ausgedrückt, ist der Prozentsatz der untersuchten Kinder in Fukushima von Anfangs 78,8% im 1. Screening auf 71,0% im 2. Screening, 57,2% im 3. Screening und aktuell im laufenden 4. Screening auf 32,9% gesunken (siehe Grafik, grüne Linie; gelbe Linie Gesamtanzahl der Kinder in Fukushima).

 

Ein Teil dieses Teilnehmerschwunds ist sicherlich der Ausgliederung der Über-25-jährigen aus der Hauptstudie geschuldet. In der Kohorte der Über-25-Jährigen beträgt die Teilnahmequote an Schilddrüsenuntersuchungen gerade einmal 9,6%. In vielen klinischen Studien gibt es sogenannte „drop-outs“, also Aussteiger, die zu Nachuntersuchungen nicht mehr erscheinen. In Fukushima scheint dahinter jedoch ein System zu stecken: die für die Studie federführende Fukushima Medical University schickt seit Jahren MitarbeiterInnen an die Schulen der Präfektur, um dort Kinder über deren „Recht auf Nichtteilnahme“ und das „Recht auf Nichtwissen“ aufzuklären. Auf den Studienformularen gibt es mittlerweile auch eine entsprechende „opt-out“ Option, also eine Möglichkeit, aus dem Screening entfernt zu werden.

 

Es wird somit ganz bewusst in Kauf genommen und gefördert, dass Kinder aus der Studie austreten. Haben die Mitarbeiter*innen der FMU Sorge, dass der beunruhigende Trend der steigenden Zahl an Schilddrüsenkrebsfällen anhält? Sind Ihnen die Daten unangenehm, die der seit Beginn der Atomkatastrophe verbreiteten These widersprechen, dass der mehrfache Super-GAU zu keinen zusätzlichen Krebserkrankungen führen würde? Wer steckt hinter diesen Maßnahmen, die zunehmend die Integrität und Aussagekraft der eigenen Studie gefährden? Ist es die Regierung in Tokio, die sich die Renaissance der Atomenergie in Japan auf die Fahnen geschrieben hat? Oder die IAEO, die die Fukushima Medical University finanziell und logistisch bei der Durchführung der Studie „unterstützt“? Diese und andere unangenehmen Fragen wurden leider auch auf dieser Sitzung des Aufsichtskomittees nicht gestellt.

Fazit

Wir sehen in Fukushima weiterhin einen signifikanten Anstieg der Neuerkrankungsraten von Schilddrüsenkrebs bei Kindern. Wir sehen seit Ende der Erstuntersuchung 2014 rund 23 Mal so viele Fälle wie eigentlich erwartet werden könnten. Diese Zahlen dürften aufgrund der oben erläuterten Entwicklungen gleichzeitig eine systematische Unterschätzung darstellen, wie anhand der neu publizierten Schilddrüsenkrebsfällen, die außerhalb der Studie diagnostiziert wurden, erneut deutlich geworden ist.

Zudem wird auch mit einem Anstieg weiterer Krebsarten und anderer Erkrankungen gerechnet, die durch ionisierte Strahlung ausgelöst oder negativ beeinflusst werden. Die Schilddrüsenuntersuchungen der FMU stellen die einzigen wissenschaftlichen Reihenuntersuchungen dar, die überhaupt relevante Aufschlüsse über die gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima liefern können. Und sie laufen derzeit Gefahr, von den Befürwortern der Atomenergie unterminiert zu werden.

Die Bewohner von Fukushima und die Menschen in Japan haben ein unveräußerliches Recht auf Gesundheit und auf ein Leben in einer gesunden Umwelt. Die Untersuchungen kindlicher Schilddrüsen kommt dabei nicht nur den Patient*innen selber zu Gute, deren Krebserkrankungen frühzeitig detektiert und behandelt werden können, sondern der gesamten Bevölkerung, die durch die freigesetzte Strahlung beeinträchtigt wird. Die korrekte Fortführung und wissenschaftliche Begleitung der Schilddrüsenuntersuchungen liegen somit im öffentlichen Interesse und dürfen nicht durch politische oder wirtschaftliche Beweggründe konterkariert werden. Es ist wichtig, diese Entwicklungen von außen weiter kritisch zu begleiten.

Dr. med. Alex Rosen ist Kinderarzt und Co-Vorsitzender der deutschen IPPNW

Quellen:

Neue Ergebnisse der 3. Screeningrunde vom 13.02.2020, Fukushima Präfektur. https://www.pref.fukushima.lg.jp/uploaded/attachment/369439.pdf
Neue Ergebnisse der 4. Screeningrunde vom 13.02.2020, Fukushima Präfektur. https://www.pref.fukushima.lg.jp/uploaded/attachment/369440.pdf
Yokoya S et al. „Investigation of thyroid cancer cases that were not detected in the Thyroid Ultrasound Examination program of the Fukushima Health Management Survey but diagnosed at Fukushima Medical University Hospital“. Fukushima Journal of Medical Science, 2019:65:122-127
https://www.jstage.jst.go.jp/article/fms/65/3/65_2019-26/_html/-char/ja
„National estimates of cancer incidence based on cancer registries in Japan (1975-2013)“, Japanisches Krebsregister, 13.08.2019. https://ganjoho.jp/en/professional/statistics/table_download.html

Videobotschaft zur Online-Podiumsdiskussion (15. März 2021) zu „Fukushima, Tschernobyl und die globale Klima- und Energiefrage“ von Prof. Dr. Eiichi Kido

Liebe Freundinnen und Freunde

Morgen wird es ein Jahr her sein, dass ich Bochum verlassen habe, wo ich als DAAD-Gastprofessor tätig war. Damals wurde die Lage um Covid-19 buchstäblich Tag für Tag kritischer. Auf dem Campus wurde der Handschlag verboten. Akademische Veranstaltungen fielen aus. Die UB war geschlossen. Es wurde beschlossen, dass die Lehrveranstaltungen im SoSo ausnahmelos online gehalten werden…

Glück oder Unglück, mein Flug wurde angesichts der erweiterten Pandemie nicht annulliert. Sonst hätte ich gerne illegal weiter in Deutschland gelebt.

Seit der Atomkatastrophe von Fukushima sind nun 10 Jahre vergangen. Was hat sich in Japan verändert und was nicht? Nationalgeschichtlich gesehen, muss ich in diesen zehn Jahren die Kontinuität des Systems der Verantwortungslosigkeit feststellen, wie es der renommierte Politikwissenschaftler Masao Maruyama kurz nach der bedingungslosen Kapitulation formulierte. Maruyama verfolgte damals die Verhandlungen des Kriegsverbrechertribunals in Tokio. Die Angeklagten stellten ihre Kriegsschuld in Abrede. Die Gründe: sie hätten keine Befugnisse gehabt und sie wären angesichts fait accompli einfach machtlos gewesen.

Diese Haltung haben wir nach Fukushima bei den Staatstragenden und den Topmanagern des Kraftwerkbetreibers Tepco wieder beobachtet. Die japanische Justiz, die ohnehin immer wieder vom UNMenschenrechtsausschuss wegen mangelnder Erziehung zu Menschenrechten kritisiert wird, toleriert das. Zu Verblüffung im In- und Ausland hat das Landgericht Tokio am 19. September 2019 drei frühere Spitzenmanager von Tepco in einem Strafprozess freigesprochen. Also keine Fahrlässigkeit mit Todesfolge. Natürlich hat die breite Gesellschaft nach der Atomkatastrophe ihren Lebensstil und ihre Denkweise hinterfragt. Der Philosoph Takeshi Umehara hat von einer „zivilisationsverursachten Katastrophe (Bummeisai)“ gesprochen.

Aber was sich diese 10 Jahre in Japan staatspolitisch ereignet hat, zeigt den festen Willen des Herrschaftskreises, zugunsten der Militarisierung des Landes auf der Kernenergie zu beharren. Am 1. Juni 2015 hat die Regierung von Shinzô Abe den Energiemix für das Jahr 2030 beschlossen. Danach soll die Stromerzeugung aus Kernenergie auf 20% bis 22% erhöht werden. Um diesen Plan zu erfüllen, ist es 1 notwendig, etwa 30 Atomkraftwerke für verlängerte Laufzeiten von über 40 Jahren zu betreiben. Am 1. April 2016 hat das Kabinett Abe einen Beschluss gefasst, die Verfassung verbiete nicht den Besitz und den Einsatz der Kernwaffen. (Übrigens, 25 Tage später hieß es im Kabinettsbeschluss, auch Bio- und Chemiewaffen seien nicht verfassungswidrig.)

Wir wissen natürlich, dass die militärische und die „friedliche“ Nutzung der Kernenergie zwei Seiten einer Medaille sind. Schon vor Fukushima war und ist die Position der japanischen Regierung so: mit der Betreibung der Atomkraftwerke und des nuklearen Kreislaufs könne Japan sich als „potenzielle Atommacht“ darstellen, was als Abschreckungsfaktor der nationalen Sicherheit diene. So ist es kein Wunder, dass das Land trotz der angeblich „einzigen Opfernation von Atomwaffen“ kein Interesse sondern sogar Feindseligkeit gegen den Atomwaffenverbotsvertrag zeigt, der am 22. Januar dieses Jahres in Kraft getreten ist.

Um das Land geistig kriegsfähig zu machen, ist Meinungsfreiheit unerwünscht. Bei der Dortmunder Konferenz zur Olympiade im September 2019 habe ich über die Medienstrategie der japanischen Regierung berichtet. Die ganze Olympiadegeschichte hat ja begonnen, nachdem Abe am 7. September 2013 beim IOCTreffen in Buenos Aires die Weltöffentlichkeit belogen hatte: die Situation in Fukushima sei unter Kontrolle. Im Referat habe ich den Jahresbericht von „Reporter ohne Grenzen“ für 2019 zitiert: „Seit der NuklearKatastrophe in Fukushima 2011 ist Japan auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen weit nach hinten gerückt. Vor allem freie Journalisten wurden in den vergangenen Jahren bei ihrer Arbeit behindert, wenn sie etwa zu dem havarierten Atomkraftwerk, der Betreibergesellschaft Tepco oder den Verbindungen von Atomlobby und japanischer Regierung recherchieren wollten. Ein 2013 beschlossenes Whistleblower-Gesetz bestraft die Verbreitung von geheimen Informationen mit bis zu zehn Jahren Haft. Die meisten Medien in Japan üben Selbstzensur, Kritik an der Regierung und am Kaiserhaus findet so gut wie nie statt.“

Die Lage der Medien in Japan ist noch schlimmer geworden. Der Nachfolger von Abe, Yoshihide Suga, ist fast eine Art von Geheimpolizeichef. Als Regierungssprecher unter Abe hat er alles getan, die JournalistInnen mundtot zu machen, indem er unbequeme Fragen zurückgewiesen oder ignoriert hat. Jetzt versucht er als Regierungschef, kritische WissenschaftlerInnen einzuschüchtern und durch einen digitalen Überwachungsapparat auf umfangreiche persönliche Daten einheitlich zuzugreifen.

Auf der anderen Seite sollte man beachten, warum Abe zurücktrat. Natürlich war seine unfähige Politik während der Corona-Pandemie ein wichtiger Grund. Es war ihm nicht gelungen, seine politischen Skandale zu vertuschen. Ebenso gravierend für ihn war die Perspektivlosigkeit, durch eine Verfassungsänderung recht bald das Pazifismusgebot zur Makulatur zu machen, und dass trotz der überwiegenden Mehrheit im Parlament und fügsamer Medien. Die japanische Zivilgesellschaft kann darauf stolz sein.

Wollen wir nun unseren Blick auf die Lage vor Ort richten. Die Situation in Fukushima ist alles andere als unter Kontrolle. Inzwischen ist es mehr als klargeworden, wie schwierig es ist, das Chaos nach der Atomkatastrophe aufzuräumen. Es gibt keine Perspektive für den Reaktorrückbau von Fukushima Daiichi. Der Plan, innerhalb 40 Jahren radioaktivitätsfreies, unbebautes Land zu regenerieren, war von vornherein unmöglich. Wo etwa 7,8 Millionen Tonnen Atommüll von Fukushima-Daiichi gelagert und kontrolliert 2 werden, ist dies auch hoffnungslos. Diese Summe ist zehnmal mehr als der Atommüll von drei stillgelegten Reaktoren. Welche Kommune übernimmt diese Aufgabe? Es scheint realistisch zu sein, diesen ungeheuren Atommüll erstmal etwa 100 Jahre lang in einer sicheren Form auf dem Gelände von Fukushima-Daiichi zu lagern und dann den Rückbau zu beginnen.

Auch radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Atomkraftwerk von Fukushima ist ein großes Problem. Jetzt gibt es schon mehr als 1.000 Tanks mit 1,27 Millionen Kubikmeter radioaktivem Wasser. Im Sommer 2022 wird die Lagerungskapazität voraussichtlich überschritten. Die Regierung hat deshalb die Absicht, das verseuchte Wasser ins Meer abzulassen. Natürlich ist der Widerstand aus der Region und auch aus dem Ausland heftig.

Die Lage der Menschen, die wegen der Atomkatastrophe ihre Heimat und Arbeit verloren haben, ist nach wie vor kritisch. Entschädigungen werden immer wieder heruntergehandelt. Die Präfektur Fukushima hat im März 2017 aufgehört, „Evakuierten von außerhalb des Evakuierungsanweisungsbereichs (freiwilligen Evakuierten)“ freien Wohnraum anzubieten. Die Leute, die im Wohnblock für Staatsbeamte wohnten, durften noch zwei Jahre lang dortbleiben. Dieser Mietvertrag ist im März 2019 ausgelaufen. Für diejenigen, die dort noch weiter wohnen wollten, war die Miete dann doppelt so hoch wie für Staatsbeamte.

Man redet gern vom „Wiederaufbau“. Dessen Nutznießer sind große Konzerne zum Beispiel in der Baubranche, die dank der sogenannten Schock-Strategie der neoliberalen Polik aus der Natur- und Atomkatastrophe reichlich Profit geschlagen haben. Die sogenannte „Wiederaufbau-Olympiade“ ist schon von Anfang an solch ein Projekt. Merkwürdig, dass die Spiele jetzt plötzlich als Beweis veranstaltet werden sollen, dass die Menschheit das Coronavirus überwunden hat. Yoshihiro Murai, Gouverneur der Präfektur Miyagi, ist auf den 250 Kilometer langen gigantischen Deich, die Privatisierung des Flughafens Sendai als ersten Fall in Japan und die Zulassung des Fischereierlaubnisscheins für privaten Unternehmen stolz. Er sagt ganz offen, dass er diese Dinge ohne das schwere Erdbeben nicht hätte realisieren können[1].

Aber wenn auch große Bauprojekte in der Region vorangetrieben werden, kommen die Leute nicht automatisch in die Heimat zurück. Die Menschen werden immer älter. Sie wünschen sich auf keinen Fall, dass auch ihre Kinder und Kindeskinder in die Heimat zurückkommen. Ohne persönliche Bindungen ist es unmöglich, die Gemeinschaft wiederaufzubauen. Beispiel: die Kleinstadt Namie, deren Gebiet sich über einen Bereich von etwa 4 bis 30 Kilometern nördlich und nordwestlich von Fukushima-Daiichi erstreckt. 2010 wohnten dort 21.000 Menschen. Ende März 2017 wurde die Evakuierungsanweisung für einen Teil der Stadt aufgehoben. Jetzt ist die Einwohnerzahl auf 16.000 gesunken. Davon sind aber 9,1% nicht nur registriert sind, sondern wohnen auch tatsächlich dort.

Nach den offiziellen Angaben führen insgesamt mehr als 41.000 Menschen ihr Leben als Evakuierte. Die tatsächliche Zahl scheint doppelt mehr zu sein. Es gibt jedoch keine Erhebung, die den realen Sachverhalt widerspiegelt. Verschiedene Unterstützungsmaßnahmen drohen eingestellt oder verkleinert zu werden, weil 10 Jahre als „Wiederaufbaufrist“ vorbei sind.

Ich komme nun zum Abschluss. Am 26. Oktober 2020 hat Premierminister Suga in seiner ersten Regierungserklärung von der „Realisierung einer grünen Gesellschaft“ (Realizing a green society) gesprochen[2]. Konkret sagte er: „Bis 2050 wird Japan darauf abzielen, die Treibhausgasemissionen auf Null zu senken, d.h. eine klimaneutrale, entkarbonisierte Gesellschaft zu verwirklichen“ (by 2050 Japan will aim to reduce greenhouse gas emissions to net-zero, that is, to realize a carbon-neutral, decarbonized society.). Das klingt nicht schlecht. Aber damit meint er keineswegs eine Energiewende, sondern die Wiederbelebung der Kernenergie. Denn von der „Weiterentwicklung unserer Kernenergiepolitik mit höchster Priorität für die Sicherheit (advancing our nuclear energy policy with the highest priority on safety)“ war deutlich die Rede. Das zeigt offenbar die Lernunfähigkeit der japanischen Obrigkeit. Für sie erfreulicherweise haben die Kleinstadt Suttsu und das Dorf Kamoenai auf der nördlichen Insel Hokkaido ihr Interesse gezeigt, als Standort für ein atomares Endlager zu kandidieren. Doch trotz der Verlockung durch staatliche Subventionen ist der Widerstand der Bevölkerung heftig.

Die Mehrheit der Japaner ist im Grunde gegen die Kernenergie. Laut der Asahi-Zeitung vom 18. April 2011 waren 50% der Befragten gegen die Nutzung von AKWs, 32% waren dafür. Zehn Jahre später, nämlich am 16. Februar 2021, waren 53% gegen die Wiederinbetriebnahme der AKWs, 32% waren dafür.

Seit dem 29. März 2012 gibt es fast jeden Freitag vor der Residenz des Premierministers Protestkundgebung gegen die Wiederinbetriebnahme der Atomkraftwerke. Die Organisatoren heißen Hangenren (Metropolitan Coalition Against Nukes). Im Jahre 2012 hat die Teilnehmerzahl immer wieder 100.000 überschritten. Obwohl Hangenren mit der 400. Kundgebung am kommenden 26. März die Freitagsaktion einstellen, setzen sie ihre Tätigkeit fort, bis der Atomausstieg in Japan verwirklicht wird.

Das Ergebnis dieser unermüdlichen Bewegung: von 54 Atomkraftwerken in Japan sind (nur?) neun tatsächlich in Betrieb. Es werden sechs Prozent des erzeugten Stroms aus Kernenergie gewonnen.

Die Anti-Atomkraft-Bewegung nach Fukushima hat den Stil der sozialen Bewegung in Japan grundlegend geändert. Statt von der Gewerkschaft mobilisiert zu werden, haben einzelne BürgerInnen nun aus eigener Initiative daran teilgenommen. Der Ort vor der Residenz des Premierministers ist „der“ Schauplatz des politischen Protests geworden. Auch die Form der Demonstration hat sich geändert. Statt Losungen einfach gemeinsam laut zu sprechen, läuft der Zuruf nun mit schnellem Tempo im Trommelrhythmus, was die Demo für junge Leute attraktiv gemacht hat.

Angesichts der drastischen Militarisierung des Landes unter Abe hat die neue soziale Bewegung die Basis gebildet, dass die Oppositionsparteien im und außerhalb des Parlaments im Sinne des Konstitutionalismus und der Demokratie zusammenarbeiten.

Am 9. März 2018 haben vier Oppositionsparteien einen gemeinsamen Antrag zum Atomausstieg gestellt. Die Regierungsparteien haben es bis jetzt nur sabotiert, über diesen Gesetzentwurf zu diskutieren. Dieses Jahr findet die Wahl zum Unterhaus statt. Wenn das Kraftverhältnis im Parlament geändert wird, kann ein Atomausstieg Japans auf die Tagesordnung gesetzt werden.

In welche Richtung geht Japan überhaupt? Ich bin fest überzeugt, dass das Land vom Weg des Fortschrittes in die Unmenschlichkeit, wie Robert Jungk es als Nebentitel von seinem „Atomstaat“ formulierte, abweichen kann, wenn die Menschen verstehen, was sie mitten in der Corona-Krise (z.T. erneut) gelernt haben. Ob das Leben von früher, das „normal“ schien, wirklich verdiente, als Norm zu gelten? Inzwischen wissen wir, dass die Menschen selbst am Ausbruch der Pandemie schuld sind, weil sie Wachstum- und profitbesessen drastisch in die Natur eingegriffen haben. Wenn die Menschen in Japan durch Corona endlich begreifen, dass bereits der Countdown gegen die Natur und gegen die Zukunft der Menschheit läuft, wird die Stimme der überwiegenden Mehrheit sein: „Atomkraft? Nein, Danke.“


[1] Asahi-Shimbun vom 22. Dezember 2020.
[2] https://japan.kantei.go.jp/99_suga/statement/202010/_00006.html